100 Jahre Grundsteinlegung - Viel Wirbel um die neue Hattersheimer Kirche
05.06.2013 13:05

Pfarrer Jakob BardenheierAm 8. Juni 1913, vor hundert Jahren, wurde der Grundstein für die Hattersheimer Pfarrkirche St. Martinus in ihrer heutigen Form gelegt. Dem damaligen Pfarrer Jakob Bardenheier ist es ganz maßgeblich zu verdanken, dass Hattersheim 1 heute eine so wohlproportionierte, lichte und großzügige Pfarrkirche besitzt. Pfarrer Bardenheier, in Wiesbaden geboren, wirkte in Hattersheim von 1907 bis zu seinem frühen Tod 1919. Die heutige Kirche St. Martinus entstand von 1913 bis 1915. Mit bewundernswerter Energie hat Bardenheier dieses Vorhaben verfolgt, auch wenn schließlich eine ganz andere Lösung realisiert wurde, als ursprünglich geplant war.

Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts war die Zahl der Hattersheimer und damit auch der katholischen Bürger enorm gewachsen. Zählte man 1880 noch 1.000 Einwohner, waren es 1910 bereits 2.500, unter ihnen 1.700 Katholiken. Hattersheim war zum Industriestandort und zur Arbeiterwohngemeinde geworden.

Auch wenn täglich zwei Messen gelesen wurden, so wurde es doch eng im 1747 - 1749 erbauten barocken Kirchlein, das einmal auf 300 Gottesdienstbesucher - sitzend und stehend - ausgelegt war. 1900 wurde ein Kirchenbaufonds gegründet, gleichzeitig begannen Planungen für eine Erweiterung. Architekt Fachinger empfahl einen Anbau im Westen und einen neuen Chor im Osten. 560 Sitz- und 300 Stehplätze sollten so zur Verfügung stehen. Kostenpunkt: 70.000 Mark. Zum Vergleich: In den Farbwerken verdiente ein Arbeiter damals ungefähr 1.000 Mark im Jahr.

Doch erst einmal geschah nichts. Erst mit Pfarrer Bardenheier ging es energisch zur Sache. Schon im Jahr nach seinem Amtsantritt kann die Kirchengemeinde die Hofreite des Landwirts Johann Schweikhart erwerben, die unmittelbar an Kirche und Pfarrhaus angrenzt. Im gleichen Jahr 1908 schließt der Kirchenvorstand den Architektenvertrag mit dem Mainzer Dombaumeister Professor Ludwig Becker ab, einem der bedeutendsten Kirchenarchitekten des späten Historismus in Deutschland.

Ein monumentaler Neubau ist geplant, mit viel behauenem Stein an Fenstern und Gewölben, im Stil der steil himmelwärts strebenden späten Gotik, „weil diese Bauweise das katholische Empfinden am ausdrucksvollsten darstellt“, schreibt Pfarrer Bardenheier an die preußischen Behörden in Wiesbaden. 1.250 Menschen sollen hier Platz finden, „genug für die nächsten 50 Jahre“.

Der Neubau soll auch etwas Abstand zur Hauptstraße schaffen und Platz für einen Umgang, für Prozessionen um die Kirche herum. Denn damals gab es weder eine Ortskern-Umgehung noch eine A 66. Der ganze Verkehr quälte sich mitten durch die engen Hattersheimer Gassen: von der Mainzer Landstraße her vor dem Posthof abknickend in die heutige Sarceller Straße und die Hauptstraße an der Kirche vorbei und weiter in Richtung Höchst - in umgekehrter Richtung natürlich genauso. „Wohl eine der verkehrsreichsten Straßen in Deutschland“ schreibt der Pfarrer 1909: schmal, mit ständigen Staus und Störungen des Gottesdienstes „durch die Hunderte von Autos, die hier vorbeihuppen und puffen“. Kurz: „Das Gerumpel der Wagen und das Klingeln der Schellen ist unausstehlich.“

Nun, die Lösung für den Durchgangsverkehr wird bereits 1910 bis 1912 geschaffen: Eine Umgehungsstraße führt über die verlängerte Mainzer Landstraße und die heutige Nassauer Straße außerhalb des Ortes wieder auf die Frankfurter Straße.

Kirche St. MartinusAber aus dem Abriss des „architektonisch wertlosen“ (Bardenheier) barocken Kirchleins und dem monumentalen spätgotischen Neubau wird nichts. 1907 war in Preußen ein Gesetz in Kraft getreten, das erstmals gewachsene Ortsbilder schützte. Der Bezirkskonservator für Hessen-Nassau - wir würden heute sagen: der Landesdenkmalpfleger - Professor Ferdinand Luthmer kommt im Februar 1908 vom Bahnhof her in den Ort und besichtigt alleine die Hattersheimer Kirche. Tags drauf stellt er in einem Brief an Ludwig Becker fest: „Das Bild der schlichten hochgelegenen Kirche mit ihren guten Verhältnissen und dem sehr schönen Glockentürmchen wird durch einen Neubau schwer zu ersetzen sein. Auch das Innere hat bei aller Schmucklosigkeit der Architektur und trotz der recht fragwürdigen Ausmalung und Fensterverglasung seinen malerischen Reiz, der mit dem geschichtlich Gewordenen, echt Volkstümlichen dieser kleinen Dorfkirchen verbunden zu sein pflegt“.

Zweieinhalb Jahre lang geht es jetzt hin und her. Das Regierungspräsidium hat schwerwiegende Bedenken gegen einen Abriss des barocken Kirchleins wegen seines architektonischen Wertes und der Bedeutung für das Ortsbild. Die Wiesbadener empfehlen, als Erweiterung eine Saalkirche in bescheidenen Barockformen zu bauen und fügen eine Grundriss-Skizze gleich bei. Barock weckt bei Pfarrer Bardenheier aber die traurige Erinnerung an „die religiöse Verflachung des sogenannten Aufklärungszeitalters“. Nein, damit braucht man ihm nicht zu kommen.

Nur langsam wird die Konfrontation abgebaut. Ende 1910 schreibt der Kirchenvorstand an den Regierungspräsidenten, man verzichte auf den gotischen Baustil und auf das Abrücken von der Bezirksstraße. Das Dach des neuen Hauptschiffes soll bis zur Südmauer der alten Kirche reichen.

Im August 1911 genehmigt das Bistum die Erweiterung der Pfarrkirche in romanischem Stil nach den Plänen von Professor Becker. Auch der Wiesbadener Regierungspräsident stimmt zu.

1912 einigt man sich mit der Gemeinde Hattersheim, bei der - weil die Glocken bei Bränden zur Alarmierung geläutet wurden - die Baulast am Turm lag. Sie wird gegen Zahlung von 20.000 Mark abgelöst. Nun liegen rund 80.000 Mark in der Kasse. Ausschreibung und Auftragsvergabe beginnen.

An Mariä Verkündigung, am 25. März 1913, ist Baubeginn. Und die Grundsteinlegung erfolgt am 8. Juni 1913 durch den damaligen Frankfurter Stadtpfarrer, den Geistlichen Rat Abt, dem die Pfarrer Bardenheier, Buus (Hofheim) und Löhr (Sindlingen) zur Seite stehen.

Die Urkunde, die in den Grundstein eingelegt wird, endet mit den Worten: „Ein Denkmal der Opferwilligkeit der Pfarreingesessenen in einer materiell gerichteten Zeit, Ein Denkmal ihres lebendigen katholischen Glaubens in einer Zeit der Gottentfremdung, Ein Denkmal des Friedens in einer Epoche, da ernste Gefahren des Vaterlandes Grenzen umsäumen - soll mit Gottes Segen, den wir demütig erflehen, der Gottesbau erstehen: Zur Ehre des Allerhöchsten! Zum Heile der Pfarrangehörigen! Zur Zierde des ganzen Ortes! Das walte Gott!“